Wie Sie einen überzeugenden Business Case erstellen– inklusive Praxisbeispiel „Cleanly“, der Haushaltsroboter für Senioren
- Ronny Mees

- 31. Okt. 2025
- 6 Min. Lesezeit
In der heutigen schnelllebigen Produkt- und Innovationswelt entscheiden sich Investitionen häufig danach, ob fundierte Business Cases vorliegen – nicht nur technische Machbarkeit, sondern auch wirtschaftliche Tragfähigkeit. In diesem Beitrag zeige ich Ihnen:
Wozu dient ein Business-Case ?
Aufbau- und Inhaltsstruktur eines Business Cases
Anwendung anhand eines konkreten Produktbeispiels: ein Haushaltsroboter für Senioren
1. Warum ein Business Case?
Ein Business Case legt dar, warum ein neues Produkt (oder Projekt) realisiert werden sollte – aus wirtschaftlicher, strategischer und operativer Sicht. Er dient sowohl internen Entscheidungsträgern (Management, Board, Investor) als auch dem Produkt-/Projektteam als Fahrplan.
Ein guter Business Case beantwortet u. a.:
Welches Problem wird gelöst?
Welcher Markt und welches Wachstumspotenzial steckt dahinter?
Wie sieht das Lösungskonzept aus?
Wie wird das Geld verdient – und wann wird Gewinn erzielt?
Welche Risiken bestehen – und wie werden sie gemanagt?
2. Aufbau und Inhalte eines Business Cases
Im Folgenden eine strukturierte Übersicht der typischen Bestandteile, mit Anmerkungen, worauf zu achten ist:
Executive Summary Kurz, prägnant – Zielgruppe verstehen sofort, worum es geht.– Produktidee in maximal 1–2 Absätzen– Hauptchancen & Hauptrisiken– Finanzielle Zielgrößen (z. B. Break-even, Rendite)
Problem / Opportunity Beschreibung des Problems oder Bedürfnisses im Markt– Daten, Trends, Nutzerbedürfnisse, JTBD, PainPoints (Schmerzpunkte) Warum jetzt? (demografischer Wandel, technologische Trends etc.)
Lösungsbeschreibung / Produktkonzept Was ist das Produkt, wie funktioniert es?– Welche Merkmale/USPs (Unique Selling Propositions - basierend auf der Nutzererfahrung !) hat es?– Technische Machbarkeit, ggf. Schutzrechte, Innovation– Wie unterscheidet es sich vom Wettbewerb?
Zielmarkt und Wettbewerbsanalyse Marktgröße: Gesamtmarkt (TAM), adressierbarer Markt (SAM), erreichbarer Markt (SOM)– Zielsegmente & Geschäftsideale (z. B. Personas)– Wettbewerbslandschaft: direkte/indirekte Wettbewerber, Eintrittsbarrieren, Trends– SWOT oder vergleichende Analyse
Go-to-Market-Strategie Preisstrategie, Vertriebskanäle, Marketing & Kommunikation– Pilotphase, Markteintrittsstrategie, Skalierung– Besonderheiten für Zielgruppe (z. B. Senioren) beachten
Finanzmodell / Wirtschaftlichkeitsrechnung Umsatz- und Kostenannahmen über z. B. 3–5 Jahre– Break-even Analyse, Return on Investment (ROI), Net Present Value (NPV)– Szenarien („realistisch“, „optimistisch“, „pessimistisch“)– Klar ausgewiesene Annahmen
Risiken und Annahmen Welche Risiken bestehen? (Technologie, Markt, Regulierung, Lieferkette)– Welche Annahmen wurden getroffen? (z. B. Wachstumsrate, Kosten, Markteintrittszeit)– Gegenmaßnahmen, Risiko-Mitigation
Projektplan / Roadmap Meilensteine bis zum Launch– Ressourcen- und Budgetbedarf– Verantwortlichkeiten, Zeitplan– Key Performance Indicators (KPIs) zur Erfolgsmessung
Empfehlung / Entscheidungsvorlage Was wird beantragt? (z. B. Budgetfreigabe, Pilotphase)– Optionen („Go / No-Go / Pivot“)– Nächste Schritte
KPIs zur Erfolgsmessung (optional im Anhang) z. B. Nutzerakzeptanz, Abo-Rate, Churn, NPS, Gewinnmarge– Öffentlichkeits-/Markenkennzahlen

3. Praxisbeispiel: Haushaltsroboter für Senioren
(Business Case in Kurzform, auf Basis der obigen Struktur)
Name (Arbeitstitel): Cleanly – Haushaltsroboter für Senioren
Executive Summary
Cleanly ist ein autonomer Haushaltsroboter, der speziell auf die Bedürfnisse älterer Menschen ausgerichtet ist. Er erkennt selbstständig Verschmutzungen, passt seine Reinigungszyklen automatisch an individuelle Lebensrhythmen an und nimmt Senioren die Belastung regelmäßiger Reinigungsarbeiten ab. Ziel ist, im DACH-Raum innerhalb von 24 Monaten eine führende Position im Segment „assistive Haushaltsrobotik für Senioren“ zu erreichen. Wirtschaftlich wird der Break-even im Jahr 3 angestrebt, mit einem Zielumsatz von ca. 45 Mio. € im Jahr 5.
Problem / Opportunity
Viele Senioren haben Schwierigkeiten …
Verschmutzungen zu erkennen oder zeitnah zu reinigen
Regelmäßigkeit bei Reinigungsintervallen aufrechtzuerhalten
Technik zu bedienen, die für jüngere Nutzer ausgelegt ist.
Demografischer Trend: alternde Bevölkerung, stärkerer Bedarf an unterstützenden Technologien.
Lösungsbeschreibung / Produktkonzept
Automatische Schmutzerkennung via Sensorik & KI
Adaptive Reinigung auf Basis der Lebensgewohnheiten (z. B. Tagesrhythmus)
Seniorenfreundliches UX/UI – große Bedienelemente, einfache Sprache, Assistenz-Modus
Störungsfreier Betrieb, inkl. selbständiger Stufen und Treppen-Überwindung
Optional: Verbindung zu Pflege- oder Service-Netzwerken (z. B. Staub-Alarm, Wartung)
Fokus auf Einfachheit und Sicherheit
Zielmarkt & Wettbewerbsanalyse
Primärmarkt: Senioren (65-85 Jahre) mit eigenem Haushalt oder betreutem Wohnen im DACH-Raum
Sekundär: Angehörige / Pflegeeinrichtungen
Marktgröße: Beispiel DACH-Markt Haushaltsroboter ~2,5 Mrd. €, davon Segment Senioren geschätzt ~300 Mio. € mit > 20 % Wachstum
Wettbewerber: Standard-Saug- und Reinigungsroboter (z. B. Anbieter wie iRobot, Ecovacs) – Schwächen: nicht seniorengerecht, keine adaptive Zeitsteuerung, oft komplex in Bedienung
USP von Cleanly: Empathie-Design, Autonomie, Seniorenzentriert
Go-to-Market-Strategie
Pilotphase Jahr 1: Kooperationen mit Pflegeheimen und Seniorenwohnanlagen, Direktvertrieb über Website
Jahr 2–3: Vertrieb über Sanitätshäuser, Apotheken, Online Kanäle; Marketing mit Fokus Angehörige und Senioren
Preisstrategie: Premium-Einmalzahlung z. B. 899 €, alternativ Abo-Modell z. B. 29 €/Monat inkl. Wartung & Updates
Bevor der Projektname „Cleanly“ zur Produktmarke wird, ist es wichtig zu prüfen, ob er bereits geschützt (z. B. eingetragenes Markenrecht) ist und ob er in verschiedenen europäischen Sprachen verständlich und frei von negativen Bedeutungen ist. Eine vollständige Prüfung kann nur ein spezialisierter Markenanwalt durchführen
Finanzmodell (Kurz)

Jahr 1: Umsatz 2 Mio. €, Kosten 3,5 Mio. €, Verlust -1,5 Mio. €
Jahr 2: Umsatz 8 Mio. €, Kosten 6 Mio. €, Gewinn 2 Mio. €
Jahr 3: Umsatz 18 Mio. €, Kosten 13 Mio. €, Gewinn 5 Mio. € (Break-even erreicht)
Jahr 4: Umsatz 32 Mio. €, Gewinn 10 Mio. €
Jahr 5: Umsatz 45 Mio. €, Gewinn 17 Mio. €(Annahmen: moderates Wachstum, stabile Kostenbasis, Skaleneffekte)
Risiken & Annahmen
Risiko: Technische Verzögerungen → Gegenmaßnahme: agile Entwicklung, Pilotpartner
Risiko: Akzeptanz bei Senioren → Gegenmaßnahme: Co-Creation mit Seniorenverbänden
Risiko: Datenschutz / Technikängste → Gegenmaßnahme: DSGVO-konform, simple Bedienung
Annahme: Senioren sind bereit, für Komfort/Aktives Wohnen zu investieren; Wachstum >20 % p. a.
Projektplan / Roadmap
Q2 2026: MVP (Prototyp) fertig
Q3 2026: Pilot in ausgewählten Senioreneinrichtungen
Q1 2027: Serienstart
Q2 2028: Expansion in weitere EU-Länder
Q1 2029: Break-even erreicht
Empfehlung / Entscheidungsvorlage
Nach Auswertung der Marktchancen, der technischen Machbarkeit und der finanziellen Modellrechnung ergibt sich ein positives Gesamtbild für das Projekt Cleanly – Haushaltsroboter für Senioren.
Das Produkt adressiert ein real existierendes Problem (eingeschränkte Reinigungsfähigkeit im Alter) in einem wachsenden, wenig gesättigten Markt.Die Technologie ist umsetzbar, und das Geschäftsmodell bietet zwei attraktive Erlösoptionen (Einmalverkauf oder monatliches Abo).
💰 Finanzielle Empfehlung:
Für die Entwicklung eines Prototyps (MVP = Minimum Viable Product) und eine erste Pilotphase in Seniorenwohnanlagen wird eine Anschubfinanzierung von rund 2,5 Millionen Euro empfohlen.Diese Summe deckt:
Forschung & Entwicklung (Hardware, Sensorik, KI-Software)
Design und Nutzer-Tests mit Senioren
Aufbau kleiner Pilotserien (ca. 500 Geräte)
Marketing und Vertrieb für die Testphase
📅 Zielsetzung dieser Investitionsphase:
Innerhalb von 18 Monaten soll ein marktfähiger, getesteter Prototyp entstehen, mit dem die wichtigsten Fragen beantwortet werden:
Akzeptieren Senioren das Produkt wirklich im Alltag?
Ist die Reinigung zuverlässig und sicher?
Welche Preis- und Service-Modelle funktionieren am besten?
⚙️ Entscheidungsoptionen („Go / No-Go / Pivot“):
Damit Investoren oder Management auf Basis der Ergebnisse eine Entscheidung treffen können, werden drei Szenarien vorgesehen:
✅ Go (Weiterführung):Wenn die Pilotphase zeigt, dass Nachfrage und Zufriedenheit hoch sind, erfolgt die Freigabe für den Serienstart (industrielle Produktion, Vertrieb, Marketing).→ Dann wird eine zweite Finanzierungsrunde vorbereitet, um die Skalierung zu finanzieren.
🔄 Pivot (Ausrichtung ändern):Falls sich zeigt, dass z. B. Senioren selbst zu zurückhaltend sind, aber Angehörige stark interessiert sind, kann das Produkt neu positioniert werden.Pivot bedeutet hier also: Kurskorrektur — z. B. Anpassung der Zielgruppe, der Preisstrategie oder des Produktdesigns, ohne die Grundidee aufzugeben.
❌ No-Go (Abbruch):Sollte sich herausstellen, dass technische oder marktwirtschaftliche Hürden zu groß sind, wird das Projekt kontrolliert beendet, bevor größere Investitionen erfolgen.→ Das schützt vor hohen Verlusten und ermöglicht, wertvolle Erkenntnisse in andere Projekte zu übertragen.
📈 Entscheidungskriterien / Erfolgsmessung:
Um eine fundierte Entscheidung zwischen diesen Optionen treffen zu können, werden klare Kennzahlen (KPIs = Key Performance Indicators) definiert:
Kennzahl | Zielwert | Bedeutung |
NPS (Net Promoter Score) > 50 | Sehr hohe Kundenzufriedenheit und Weiterempfehlungsrate unter Senioren | Zeigt Akzeptanz & Begeisterung |
Churn Rate < 10 % | Weniger als 10 % der Abo-Kunden kündigen innerhalb des ersten Jahres | Zeigt langfristige Bindung |
Break-even < 36 Monate | Nach spätestens drei Jahren sind Einnahmen höher als laufende Kosten | Zeigt wirtschaftliche Tragfähigkeit |
Markenbekanntheit > 40 % | 40 % der Zielgruppe kennen Cleanly innerhalb von drei Jahren | Zeigt erfolgreiche Markteinführung |
🏁 Zusammengefasst: Das Projekt Cleanly sollte mit einer Anschubfinanzierung von 2,5 Millionen Euro gestartet werden.Ziel ist, innerhalb von 18 Monaten einen praxistauglichen, getesteten Prototyp zu entwickeln und die Marktakzeptanz zu validieren.Danach erfolgt auf Basis definierter Kennzahlen eine klare Entscheidung über den weiteren Weg (Go / Pivot / No-Go). Diese Vorgehensweise minimiert das Risiko, stellt Transparenz für Investoren sicher und ermöglicht ein schrittweises, datenbasiertes Vorgehen — anstatt „blind“ ein vollständiges Produkt in Serie zu schicken.
5. Fazit
Ein gut strukturierter Business Case ist der Schlüssel zur erfolgreichen Einführung eines neuen Produkts – insbesondere wenn die Zielgruppe anspruchsvoll ist (z. B. Senioren) und der Markt spezielle Anforderungen stellt. Mit dem oben gezeigten Aufbau und dem Praxisbeispiel für den Haushaltsroboter haben Sie eine Vorlage, die Sie auf Ihre eigene Idee adaptieren können.




Kommentare