Warum das Produktportfolio auf jede Transformationsagenda gehört
- Ronny Mees

- 17. Apr.
- 3 Min. Lesezeit
1. Komplexität frisst Rendite
Jedes zusätzliche Produkt bzw. jede weitere Variante erhöht:
Fertigungs- und Lageraufwand
Forecasting-Aufwand und Risiko
Schulungsbedarf für Vertrieb und Service
Koordinationsaufwand über Silos hinweg
Wenn Margenziele verfehlt werden, liegt die Ursache oft weniger bei „zu hohen Kosten“ als bei zu vielen Produkten mit zu wenig Beitrag.
2. Transformation braucht Fokus-Produkte
Transformationsziele wie „mehr Serviceanteil“, „mehr Software“ oder „neue Geschäftsmodelle“ brauchen Produkte, die diese Story tragen – und andere, die konsequent auslaufen. Solange der alte Bauchladen mitgezogen wird, sind Budgets, Aufmerksamkeit und Kapazitäten zu stark fragmentiert.
3. Kundenorientierung statt Varianten-Illusion
In vielen Portfolios zeigt sich dasselbe Muster: Ein kleiner Teil der Produkte bringt den Großteil des Umsatzes und Deckungsbeitrags – der Rest erzeugt vor allem Komplexität. Echte Kundenorientierung bedeutet deshalb, konsequent auf die Produkte zu fokussieren, die echte Kundenprobleme lösen – statt einen Varianten-Zoo zu pflegen, der historisch gewachsen ist, aber keinen klaren Job mehr erfüllt.
Drei praxisnahe Analysen, die in keinem Transformationsprojekt fehlen sollten
Analyse 1: Pareto-Analyse – Wer finanziert eigentlich die Transformation?
Schlüsselsfrage: Welche 10–20% der Produkte tragen 70–90% des Deckungsbeitrags?
Praxisbeispiel: In einem Industrieunternehmen, mit dem ich zusammengearbeitet habe, kamen 12 von 140 Produkten auf knapp 78% des Deckungsbeitrags – der Rest war „Portfolio-Rauschen“. Die erste Transformationswelle hat sich bewusst auf diese 12 konzentriert; erst danach ging es an den „Rest“.

Die Pareto-Kurve macht sichtbar, was das Portfolio wirklich finanziert – und was nur Komplexität erzeugt.
Analyse 2: BCG-Matrix – Welche Produkte spielen welche Rolle in der Transformation?
Die BCG-Matrix bleibt als grober Kompass nützlich: Stars, Cash Cows, Question Marks, Dogs.

Beispiel aus dem Datacenter-Umfeld:
Stars: Neue, modulare High-Density-Lösungen – ideal, um die Transformationsstory „energieeffizient & skalierbar“ im Markt zu erzählen.
Cash Cows: Klassische Standard-Racks – finanzieren die Transformation, brauchen vor allem Kostendisziplin.
Question Marks: IoT-basierte Monitoring-Services – strategisch spannend, aber mit unklarer Traktion.
Dogs: Alte Spezialprodukte für wenige Bestandskunden – hoher Serviceaufwand, wenig Strategie-Fit.
Im Transformationsprogramm wurden Stars und ausgewählte Question Marks priorisiert, während für die Dogs klare Auslaufpfade mit Migrationsangeboten definiert wurden.
Analyse 3: Komplexitäts- & Migrationsanalyse – Was passiert, wenn wir Varianten streichen?
Leitfrage: Welche Varianten verursachen überproportional Komplexität – und wie führen wir Kunden auf Standardvarianten über?

Beispiel aus dem Maschinenbau: Ein Seriengeschäft mit rund 40 Varianten eines Geräts:
9 Varianten hatten weniger als 5 Bestellungen pro Jahr, verursachten aber hohe Rüst- und Planungsaufwände.
3 Standardvarianten deckten funktional 80–90% der selten verkauften Spezialvarianten ab.
Lösung:
Definition klarer Migrationspfade („Variante X12 → künftig X08 + Adapter“)
Vertriebsargumentation: „Gleiche Funktion, schneller verfügbar, einfacher im Service.“

Ergebnis: Weniger Varianten, vereinfachte Planung, geringere Bestände – bei stabilen Umsätzen.
Wo Produkt- und Portfoliomanagement in Transformationsprogrammen hingehört
Aus meiner Sicht gehört in jedes Transformations- oder Restrukturierungsprogramm ein eigener Stream: „Produkt- & Portfoliostrategie“ – mit klarer Verantwortung, Datenbasis und Entscheidungsprozess.
Typische Aufgaben in diesem Stream:
Übersetzung der Unternehmensstrategie in ein Zielbild fürs Portfolio
Festlegung, welche Produkte die Transformationsstory im Markt tragen
Definition von Investitions- UND Desinvestitionsentscheidungen
Steuerung der Portfolio-Transformation über mehrere Jahre
Produktmanagement wird damit von der „Anforderungsverwaltung“ zur zentralen Transformationsfunktion im Unternehmen.
Fazit – und eine Frage an Sie
Ohne Portfolio-Fokus optimieren viele Programme nur Strukturen um ein Portfolio herum, das gar nicht mehr zur Strategie passt. Mit klaren Analysen – Pareto, BCG, Komplexitäts- und Migrationssicht – lässt sich sehr konkret entscheiden:
welche Produkte Ihre Transformation finanzieren,
welche sie erzählen,
und welche Sie mutig loslassen sollten.
Frage an Sie: Wie oft steht in Ihren Transformations- oder Restrukturierungsprogrammen ein eigener Punkt auf der Agenda: „Produkt- & Portfoliostrategie – Zielbild und Straffung“?
Wenn Sie vor einer Transformation oder Restrukturierung stehen und Ihr Produkt- und Serviceportfolio dabei bisher eher „mitläuft“, statt aktiv gestaltet zu werden: Ich begleite technische B2B-Unternehmen als Interim Product & Portfolio Leader dabei, Portfolio, Strategie und Organisation so auszurichten, dass Transformation nicht am Produkt-Bauchladen scheitert.
Dieser Artikel und die Illustrationen wurden teilweise mit Hilfe von KI geschrieben.




Kommentare